Kaiser’s Tengelmann GmbH, mein Leben in der Filterbubble & freundlicher Alltagsrassismus

Für diesen Artikel habe ich in den letzten Tagen wirklich mit mir gerungen. Ich war erst vor den Kopf gestoßen, dann sauer, verwirrt, traurig, abschließend verzagt und an mir selbst zweifelnd. Ich war zig Mal davor, den Artikel zu löschen, habe dann aber schlussendlich den Rat meines Mannes befolgt: “Es belastet dich, du denkst da dauernd drüber nach. Schreib’s dir von der Seele.”

Es geht darum, dass ich – mit kurdischer Beteiligung an meinem Genpool -  in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Deutsch ist meine Muttersprache. Ich lebe, denke, fühle, träume, atme in ihr. Sie ernährt mich sogar, da sie Grundlage meines Berufes ist. Ich habe mich in diesem Land immer erstaunlich geborgen und aufgehoben gefühlt, bis in mein Erwachsenenalter hinein hatte ich nur zwei bewusste Begegnungen rassistischer Art.

Aber in letzter Zeit habe ich immer öfter den Eindruck (und das gerade in meinem geliebten, bunten, queeren, coolen, weltoffenen Berlin), in einer Art bequemer Blase zu leben – einer regelrechten Filterbubble. Vielleicht ist das wirklich dumm (oder die Rettung vor der Paranoia), aber ich habe mir nie ernsthaft darüber Gedanken gemacht, wie viele Jobs ich vielleicht wegen meines Namens nicht bekommen habe. Oder was Menschen eventuell für Vorurteile mit sich herum tragen. Ich mag einen Menschen – oder eben nicht. Mir persönlich ist es dabei wirklich herzlich egal, welchen Bildungsgrad oder welche sexuelle Präferenz er hat, aus welchem Land er ursprünglich stammt, wieviel Metall er im Gesicht, Farbe auf der Haut und welche Klamotten er trägt, ob seine/ihre Haare magentafarben oder sittsam blond sind oder unter welchem fucking Stein dieser Mensch irgendwann mal hervorgekrochen ist. Dementsprechend vielfältig setzt sich auch mein Freundeskreis zusammen.

Erfahrungen mit Kaiser’s Tengelmann GmbH (Sorry, aber das Idiotenapostroph gehört so…)

Ende letzten Jahres hat bei uns ein neuer Kaisers Markt aufgemacht. Quasi so fast gegenüber. Einmal aus dem Haus fallen und da sein. Und mit genialen Öffnungszeiten: Montag bis Samstag bis 24.00 Uhr. Nachts noch schnell die Zutaten für einen Kuchen zu kaufen, spät einkaufen gehen zu können, wenn man vorher arbeitstechnisch keine Zeit hatte und dabei wirklich noch Auswahl zu haben, schnell Zutaten (z. B. laktosefreie Produkte) zu bekommen, die der oft frequentierte Discounter um die Ecke eben nicht vorrätig hat oder einfach mal spätabends mit der besten Freundin das Ben & Jerrys-Fach spontan leerzuräubern: Das ist einfach ein angenehmer Luxus. Und als ich kurz nach der Eröffnung die Fleischauswahl sah – wundervoll.
Ganz ehrlich – wir waren begeistert. Gut, die Preise sind natürlich dementsprechend. Aber gen Wochenende wird ja gerne was reduziert, was kurz vorm Ende des MHD ist.

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und der kleine Kaisers Markt war für meine Mutter und mich zum Einkaufen eigentlich immer der erste Anlaufpunkt. Auch Fleisch wurde immer dort besorgt. Wie oft habe ich zu hören bekommen: “Geh doch noch mal schnell zu Kaisers..!” Die Verkäufer/innen kannten einen, dort hatte ich meine ersten unschuldigen Begegnungen mit exotischen Früchten (da gab es damals immer so kleine gelbe Broschüren mit Infos dazu), betrachtete voller erwachender Kochliebe ehrfurchtsvoll das Regal mit den asiatischen Zutaten und in der Oberstufe hat man sich in der großen Pause dort mit lebenswichtigen Dingen von Nikotin bis Zucker versorgt. Ich hegte also kindliches Verbrauchervertrauen in die Marke.

Das änderte sich, als ich vor sieben Jahren nach Berlin zog.  Vor allem durch die – damals noch unrenovierte – Filliale im Ringcenter. Nach dem Kauf verdorbener Hühnerherzen und (damals vom Gatten verbloggten) Erlebnissen mit der Fleischtheke, beschlossen wir, kein Frischfleisch mehr dort zu erwerben. Ein Grundsatz, der in den letzten Jahren langsam erweicht wurde.

Aber zurück zu “unserer” Filliale direkt vor Ort. Zur Eröffnung waren die Regale natürlich übervoll. Einige Zeit danach war dann abgepacktes Frischfleisch runtergesetzt. Noch im MHD, aber halt 50% rabattiert. Kaninchen aus der Region.  Sah frisch aus. Wunderbar. Vor meinem inneren Auge schwebte ein duftiges Stifado mit Rotwein… oder irgendwas mit Speck umwickeltes. Ich kaufte Filets und Keulen – die ich Daheim direkt in den Mülleimer wandern lassen konnte, da sie wenig vertrauenswürdig rochen und schleimig waren. Gut, dachten wir, das war halt Pech. Der Laden ist neu, die Regale waren voll. Ist zwar jetzt für uns geld- und magenmäßig echt schlecht gelaufen, aber kann ja mal zu Beginn mal passieren, wenn Abläufe vielleicht noch nicht so eingespielt sind.

Danach kaufte ich noch mehrfach Fleisch, das vollkommen in Ordnung war (zum Beispiel Perlhuhnbrust). Um Weihnachten herum wanderte ein Paket Fasanenbrust direkt ins Tiefkühlfach (und wurde nur aus Krankheitsgründen nicht zwischen den Jahren zubereitet). Vor einer Woche (05.01.) kaufte der Liebste dann abends noch rasch zwei Pakete mit Hühnchen-Drumsticks. Reduziert, aber voll im MHD. Ergebnis: Eine Packung verdorben, die andere noch gut. So langsam war ich dann doch … mehr als irritiert. Ich setzte mich hin und tippte eine (wirklich noch freundlich gehaltene) Beschwerdemail.
Am Sonntag (06.01.) sollte es dann den Fasan geben. Bei Packungsöffnung wehte allerdings ein dermaßen schwefliger Geruch durch die Küche, dass wir das Tier direkt im ewigen Grab der Tonne versenkten.
Am Montagnachmittag (07.01.) kam dann schon eine Rückmeldung vom Kaisers Servicecenter. Man würde gerne direkt mit mir Kontakt aufnehmen und telefonieren. Am Dienstagnachmittag (08.01.) dann der Anruf vom Qualitätsmanagement hier in Berlin. Am Hörer ein sehr netter, bemühter und verständnisvoller Mitarbeiter der Firma, der sich für den Hinweis bedankte, sofortige Kontrollen und Nachbesserungen bei der Kühlkette versprach und mir als Ausgleich für den entstandenen Schaden und den Ärger einen Präsentkorb anbot. Ich war leicht skeptisch, aber fand das schnelle Handeln, die Ernsthaftigkeit, mit der meine Beschwerde behandelt wurde, und die Kompetenz, die Kaiers in diesem Fall an den Tag legte, wirklich sehr positiv. Überrascht erhielt ich schon einige Stunden einen knappen Anruf aus “meiner” Filliale, dass der Korb bereit stehe und ich machte mich am Abend samt Gatten auf den Weg.

Wir haben da mal was aus ihrer Heimat für sie zusammengepackt…

Irgendwie war es dann doch eine dezent unangenehme Situation und ich ziemlich nervös. Die Marktleiterin kam verbissen lächelnd mit dem Korb auf mich zu, rasselte in typisch Berliner Herzlichkeit (“Ja, Tschuldigung nochmal. Hier.”) ihre Erklärung herunter und hielt mir den Korb entgegen, bevor sie die sofortige Flucht antrat. Was ich ja verstehen kann, niemand ist glücklich darüber, wenn in seinem Laden vergammeltes Fleisch verkauft wird und jemand sich dann auch noch beschwert. Und zugegeben, auch bei mir setzten akute Fluchtreflexe ein. Ich hatte nach einem Blick auf den Korbinhalt (türkische Seampaste, türkische getrocknete Tomaten im Glas, türkische Bohnenpeperoni im Glas, türkische gefüllte Weinblätter in der Dose, türkischer Apfel-Feige-Tee, marokkanischer Minz-Honig-Tee, Pralinen von Lindt, Lindor-Schokolade und Filterkaffee von Jacobs) nämlich das Gefühl, als hätte mir jemand in den Magen getreten. Ich konnte das Ding nicht mal anfassen, sondern drängte es meinem Mann auf. Auf den 30 Metern Heimweg fasste mein Mann grinsend mein unbestimmtes Bauchgrimmen in Worte: “Tja. Wenn du Müller heißen würdest, hättest du wenigstens ein anständiges Steak reingepackt bekommen!” Ich lachte locker und versuchte das flaue Gefühl, das mich dabei beschlich, zu verdrängen.

Später am Abend unterhielten wir uns darüber. Ich merkte, dass es ziemlich an mit nagte, ich aber Schwierigkeiten hatte das Problem richtig zu benennen. Falls jemand einfach nur zufällig einen schon fertigen Präsentkorb gegriffen hat und alles nur Zufall war – fein. Kein Problem.
Aber wurde dieser Korb speziell für mich zusammengestellt? Das hört sich auf den ersten Blick total harmlos an und war bestimmt superlieb und nett gemeint. Vielleicht hat sich der oder diejenige da wirklich Nichts bei gedacht oder wollte mir sogar eine Freude machen.
Aber es ist für mich dennoch im zweiten Fall eine Form von verstörendem Alltagsrassismus aufgrund von Vorurteilen. Vorurteile aufgrund meines kurdischen Namens, die ich gerade in Berlin – vielleicht allenfalls in irgendeinem urdeutschen Provinzkaff – wirklich nicht erwartet hätte und die mir bisher so noch nicht begegneten. Meine Mail war in korrektem Hochdeutsch formuliert. Bei beiden Telefonaten sprach ich sauberes und akzentfreies Deutsch. Und dann das.

Ja, wahrscheinlich ist es im Grunde wirklich keine große Sache und das Verständnis ist dafür bei vielen gering. Als ich das letzte Woche erzählte, meinte eine Bekannte, dass ich das alles doch nicht so eng sehen sollte. “Ich kann dir sagen wie das ablief. Die haben da im Geschäft nen Anruf gekriegt ‘Packt mal was Passendes zusammen, der Name ist Shermin Arif.’”

Ähm.. ja genau. Und ein Korb mit türkischen Weinblättern ist also zu mir passend. Sorry. Aber das hat für mich einfach einen unschönen sarrazinesken Beigeschmack. Ich gehe ja nicht zu Kaisers, um arabische Spezialitäten einzukaufen. Und mal für einen anderen Blickwinkel: Ich würde im umgekehrten Fall auch nie auf die Idee kommen, für jemanden mit zufällig polnischem Namen einen Präsentkorb mit frischen Kutteln, eingewecktem Bigos und Krakauer Wurst zusammenzustellen. Oder wie eine andere Bekannte verständnisvoller witzelte “Wir haben da mal was aus Ihrer Heimat für Sie zusammengepackt.. Ha, ha!”

Bin ick ne Drama-Queen?

Der Korb steht noch immer unangetastet in der Küche und raubt Raum. Ab und an schleiche ich darum herum. Gebe ich hier gerade die Drama-Queen? Ist mein Verhalten eine übertriebene Reaktion? Vielleicht. Ich hab es versucht verkrampft lächelnd wegzuschieben. Ich habe tagelang darüber nachgedacht. Darauf gewartet, dass es versandet. Gefühle haben allerdings die lästige Angewohnheit wiederzukehren. Und dieser Kloß in der Kehle, dieser Druck hinter den Augen, dieses lastende Tonnengewicht im Magen, das verschwindet eben nicht so leicht wieder. Eben war ich noch ein Teil von dem Ganzen hier. Und mit einem einzigen, nett gemeinten Geschenkkorb stehe ich außerhalb, komme von draußen. Für den Durchschnittsbürger ganz selbstverständlich werde ich aus meiner Heimat ausgegliedert. Und das ist – mit Verlaub – ein echt beschissenes Gefühl.

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