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Leichte japanische Küche: Harumi Kuriharas neues Kochbuch & Rezept für Low Carb Lasagne mit Seidentofu

Ja, die derzeitige Situation macht das Arbeiten schwierig, sorgte im Gegenzug aber auch dafür, dass ich letztens bei einer Kochbuchpräsentation via Videocall nach Tokio dabei sein und so einen neugierigen Blick auf die private Küche von Harumi Kurihara werfen konnte, während die japanische Starköchin mit einem Nudelholz gut gelaunt Gurken für einen köstlichen authentischen Salat verprügelte - insgesamt also alles sehr spannend! 🙂

Cover Harumis leichte japanische Küche

Ein Star in Japan: Harumi Kurihara

Aber erst einmal: Wer ist eigentlich Harumi Kurihara? Ich muss gestehen, bisher ist die gute Frau meinem Radar total entgangen. Da mein Kochbuchschwerpunkt in den letzten Jahren allerdings auch mehr bei arabischen Kochbüchern des Mittelalters lag (auf meinem Instagram-Account "Theophanus Kessel" könnt ihr dazu mehr lesen, ein englischsprachiges Blog ist zudem in Entstehung), ist das hoffentlich verzeihlich und nicht zu eurozentrisch von mir gewesen.

Während also eine japanische Freundin, der ich von dem Call erzählte, ein wenig fangirlte erfuhr ich, dass vor knapp 4 Jahrzehnten eine einfache japanische Hausfrau, die im Backstagbereich einer Kochshow aushalf, für das Fernsehen entdeckt wurde.

Autorinnenfoto Harumi Kurihara

Vorstellung des neuen Kochbuchs von Harumi Kurihara

Zapp! 38 Jahre später: Die junge japanische Hausfrau ist inzwischen Großmutter und vor allem Fernsehstar, hat über 20 Kochbücher geschrieben und ist Herrin über ein Kochimperium samt eigenem Magazin, einer eigenen Messerserie und selbstdesignten Textilien und Keramik. Und sie schreibt natürlich auch immer noch Kochbücher. Das Neueste davon halte ich gerade in der Hand:

Harumi Kurihara
Harumis leichte japanische Küche*
ISBN: 978-3831040780
Dorling Kindersley, 2020
240 Seiten, 24,95 €

Das neue Kochbuch: "Harumis leichte japanische Küche"

Dieses Buch ist gezielt für Nicht-Japaner*innen geschrieben worden - um ihnen die Scheu vor der oft als kompliziert geltenden japanischen Küche zu nehmen. Die Autorin hofft so Menschen, die noch nie selbst japanisch gekocht haben, einen leichten Einstieg in diese Geschmackswelt zu bereiten. Deswegen greift sie bei vielen Zutaten auf westliche Möglichkeiten zurück oder japanische Zutaten, die inzwischen in gut sortierten Märkten auch hier erhältlich sind. Im Verlauf des Buches werden auch weiter japanische Kochtechniken, Zutaten und Kochgeräte erläutert und oft auch auf Alternativen hingewiesen.

Und ja, was soll ich sagen? Das Konzept "simpel aber echt gut" ist ja auch das, was ich hier seit über zehn Jahren in meinem Foodblog serviere. Meine Freundin meinte, dass es halt ihr "Dreh" ist, Rezepte zu vereinfachen und so zum Kochen einzuladen. Kurihama ist bekannt dafür, westliche Ideen einfließen zu lassen und scheut sich zum Beispiel auch nicht davor, ein paar Löffel Ketchup in ihre Rezepte zu kippen. Das find ich durchaus sympathisch.

Beim Lesen des Buches fand ich viel, was ich gerne nachkochen würde. Zum Beispiel Spinat mit Erdnusssauce, der erwähnte verprügelte Gurkensalat (die derzeit oft in Netzen erhältlichen kleinen Schlangengurken sind von der Größe dafür sehr gut geeignet!) - eine Art süßsauer eingelegte Gürkchen -, Katsu-don (paniertes Schweinefleisch), Nanbanzuke (frittierte Fisch und Gemüse, die in einer süßsauren Marinade eingelegt werden - quasi japanischer Brathering 😋) oder Ebikatsu (panierte Garnelen).

Richtig gut fand ich, dass ich mit Gochiso-dofu (dekorierter Tofu) auf ein klassisches "Rumfort"-Gericht stieß, das optisch allerdings viel her macht. (Rumfort = Alles war im Kühlschrank rumfliegt und fort muss)

Frittierte Ebikatsu aus Harumi Kuriharas Kochbuch "Harumis leichte japanische Küche"

Etwas verwundert war ich allerdings, im Buch Rezepte zu finden, die aus dem europäischen, beziehungsweise US-amerikanischen Raum sind. Stinknormaler (durchaus deutsch wirkender) Kartoffelsalat, Krautsalat, Pancakes, Panna Cotta und das bekannte No-knead-Bread thronen da friedlich, ohne jeglichen japanischen Twist, zwischen Ogura-Eis (Eiscreme mit Adzukibohnen), Gyoza (chinesischen Teigtaschen) und Nikujaga (Rindfleischragout).

Ist es ein Abbild der momentanen durchschnittlichen modernen japanischen Familienalltagsküche? Das verwirrt etwas, wenn man das Konzept im Vorwort, japanische Küche den Westlern näher zu bringen, als Maßstab anlegt. Nur in einem Nebensatz des Vorworts erwähnt Kurihara, dass sie hofft, dass ihr Buch ebenso in Japan Anklang findet. Ich mag das Buch wirklich und ich habe lange grüber nachgedacht und nach einer Erklärung für dieses Konzept gesucht, ein Stirnrunzeln bleibt da für mich dennoch. Es ist ja streng genommen auch keine Form von Fusionküche - also keine westlichen Einflüsse, die hier mit Traditionellem verbunden werden und etwas Neues entstehen lassen.
Aber vielleicht ist es ein Abbild moderner japanischer Familienalltagsküche? (Die Beschreibung bei den Mac'n'Cheese mit Garnelen deutet beispielsweise darauf hin) Wären dann nicht wiederum Japaner*innen doch mehr Zielgruppe als eingangs angesprochen? Es ist jetzt nicht "schlimm" auf diese dazwischen gestreuten Rezepte zu stoßen, es ist für mich schlicht nur irritierend. 😅 Ich bin eben ein Mensch, der hinterfragt und gerne Gründe erforscht.

Mir geht es damit so: Wenn ich Rezepte für Pancakes, Nudelauflauf oder Panna Cotta möchte, wähle ich dafür eigentlich kein Kochbuch, das sich explizit mit japanischer Küche auseinandersetzt und diese dem Ausland vorstellen und darauf neugierig machen will.

Misosuppe mit Dashi aus Harumi Kuriharas Kochbuch "Harumis leichte japanische Küche"

Was ich ebenfalls schöner gefunden hätte: Mehr Konsistenz bei den Namen der Gerichte. Es ist beispielsweise wunderbar, dass das Gericht ebenfalls in japanischen Schriftzeichen zu lesen ist (für die, die Sprache beherrschen). Was ich an Kochbüchern über andere Kulturen allerdings sehr schätze ist, wenn neben der Übersetzung eine lautmalerische Version des Originalnamens gegeben ist. Das ist sehr hilfreich (und meines Erachtens nach auch respektvoll), wenn man sich ernsthafter mit Rezepten, und dem Land aus dem sie kommen, beschäftigen will.
"Harumis leichte japanische Küche" ist hier sehr unstet. Manchmal gibt es den japanischen Namen in lateinischen Buchstaben und in Klammern dann die Erklärung. Meist leider nur die deutsche Version.  Ein Beispiel: "Hänhnchen mit Ei auf Reis" - im kurzen Begleittext wird hier sogar der richtige Name verwendet (Oyako-don), beim Rezepttitel allerdings weggelassen. Zwei Seiten weiter treffen wir dann auf den Rezeptitel "Sekihan (Adzukibohnen mit Reis)". You know what I mean?

Abgesehen von diesen beiden Punkten findet man hier ein gutes, kompaktes und vor allem unkompliziertes Kochbuch mit sehr schönen Rezepten, das ich durchaus empfehlen würde - im Grunde ist der Plan also aufgegangen.

 

Rezept für Low Carb Tofu-Lasagne

Ich gebe zu, hier orientiere ich mich mehr an Kuriharas Lasagne-Idee, die darin besteht statt Lasagneplatten einfach in Olivenöl gebratene Scheiben Seidentofu und statt einer extra gekochten Béchamelsauce einfach etwas Sahne zu nutzen. Hieran sieht man wahrscheinlich ihren perönlichen Dreh in Arbeit: Japanische Zutat(en) im Einklang mit einem europäischen Gericht, dazu noch eine Rezeptevereinfachung.
Da sie für diese Lasagne eine klassische Bolognesesauce mit Hackfleisch,  Tomaten und Rotwein kocht, wie sie ähnlich hierzulande in vielen Haushalten üblich ist, habe ich meine eigene Sauce gekocht - wie ich sie halt immer koche und wie uns schmeckt. Deswegen ist es mehr ein Pi-mal-Daumen-Rezept. Falls Sauce übrig bleibt, kann diese eingefroren werden.

Das Ergebnis ist sehr köstlich. Der Seidentofu im Auflauf ist wundervoll cremig und ergab einen spannenden Effekt - das haushaltseigene kleine Kind hielt ihn zunächst für eine Art Mozzarella. 😜 Ich bin allerdings daran gescheitert, den Tofu in Scheiben in der Pfanne bräunlich zu braten, wie im Originalrezept vorgesehen. Mein Ergebnis bestand aus einer zerfallenden, wabbeligen Masse mit Olivenöl. Wahrscheinlich ist die Qualität von Seidentofu in Japan eine andere? Ich kann es nicht abschätzen. Ich plane einen weiteren Versuch mit normalen Tofu - geschnitten in dünne Scheiben und kräftig gebraten in der Pfanne. Was aber natürlich ein anderes Geschmackserlebnis geben wird. Beim nächsten Mal mit Seidentofu werde ich das Braten jedenfalls auslassen und die Scheiben direkt in die Auflaufform setzen.

 

Low Carb Lasagne nach einer Rezeptidee von Harumi Kurihara

Low Carb Lasagne

1,5 l Bolognesesauce
800 g Seidentofu (2 Blöcke)
150 g geriebenen Käse
50-100 g  Sahne
Olivenöl zum Braten
Meersalz und frisch gemahlener Pfeffer

Zubereitung

  • Tofu abtropfen lassen, in Küchenpapier einschlagen und cica 15 Minuten so belassen, damit das überschüssige Wasser aufgenommen wird.
  • Auswickeln und je Tofublock in 5 - 6 Scheiben schneiden.
  • [Optional: Das Olivenöl in einer Pfanne erhitzen und die Tofuscheiben nacheinander von beiden Seiten darin braten, bis sie anfangen zu bräunen.]
  • Den Tofu leicht salzen und pfeffern.
  • Eine dünne Schicht Bolognesesauce in eine Auflaufform geben, eine Schicht [gebratenen] Seidentofu darüber stapeln, etwas Sahne darauf verteilen, nochmals Fleischsauce, wieder Tofu, restliche Sahne, (falls vorhanden) nochmals Sauce, dann mit dem geriebenen Käse abschließen.
  • Im vorgeheizten Ofen (Umluft, 200 °C, mittlere Schiene) für 15-20 Minuten backen, bis der Käse schön bräunt.

*Werbung: Afiliate-Link zu Amazon. Bei einem Kauf hierüber erhalte ich eine Vergütung. Das vorgestellte Buch ist ein Rezensionsexemplar, das ich vom Verlag erhalten habe.

Bildcredits: Buchcover, Ebikatsu, Misosuppe, Autorinnenfoto © DK Verlag/Harumi Kurihara

Kochbuchrezension: Ein Jahr auf Fern Verrow {Werbung}

Ende letzten Jahres flatterte mit ein großformatiges Kochbuch - fast wie ein Coffee Table Book - in die Küche, das mich optisch sofort ansprach: Ein Jahr auf Fern Verrow*: Naturverbunden kochen und genießen.

Rezension Kochbuch: Ein Jahr auf Fern Verrow

In der weitgehend unberührten Landschaft von Herefordshire, England, zu Fuße der Black Mountains liegt der Hof von Jane Scotter und Harry Astley. 1996 ließen sich die beiden ausgebildeten Köche in dieser noch weitgehend unberührten Ecke des Landes nieder und übernahmen den Bauernhof. Ohne Erfahrung begannen sie hier Lebensmittel nach den Prinzipien der biologisch-dynamischen Landwirtschaft nach der Lehre Rudolf Steiners anzubauen.

Und obwohl Scotter und Astley absolute Neulinge zwischen seit Generationen weitergegebenen Höfen waren, wurden sie von ihrem Nachbarn herzlich aufgenommen und unterstützt. Seit über 20 Jahren bauen sie mit ihrem Konzept inzwischen erfolgreich Gemüse, Obst und Blumen an und halten Vieh. Zu Anfang des Buches gibt es eine hübsche gezeichnete Landkarte vom Bauernhof und den ihn umgebenden Anbauflächen, so dass man sich als Leser*in eine etwas bessere Vorstellung machen kann, was wo wie wächst und gedeiht.

 

Kritik an Rudolf Steiner

Kleiner Break: An dieser Stelle folgt ein kleiner, aber für mich wichtiger Einschub. Steiner ist den meisten wohl durch die Anthroposophie und die in Deutschland beliebten Waldorfkindergärten und -schulen bekannt – allerdings ist er wegen seiner Rassenlehre nicht gerade unumstrittenen. Dass in einem Buch, in dem neben Rezepten ein auf Steiners Schriften basierendes Landwirtschaftskonzept im Fokus steht, nicht einmal kurz auf die negativen Seiten und die Nutzung im Nazi-Regime eingegangen wird, empfinde ich als sehr bedauerlich. Geschadet hätte den Leser*innen diese ganzheitliche Informationen sicherlich nicht, zumal in den Beschreibungen auch aus dem Werk Steiners zitiert wird. Auch wenn man die bio-dynamische Landwirtschaft als das Konzept für sein Leben annimmt, sollte ein kritischer Blick auf Steiners Thesen möglich sein.

Ernte auf Fern Verrow / Rezension Kochbuch: Ein Jahr auf Fern Verrow

Anthropsophischer Bauernhof Fern Verrow

Beim Anbau der Pflanzen und bei der Viehzucht fließen gemäß anthroposophischer Prinzipien nicht nur die materiellen Gegebenheiten ein (zum Beispiel Bodenbeschaffenheit, Ablehnung von chemischen Düngern und Pestiziden), sondern auch die immaterielle Welt mit ihren Kräften und Energien. Auf dem Hof wird zum Beispiel von Hand mit Quarzen und durch Verwirbelung "belebtes" und energetisiertes Wasser auf den Feldern versprüht. Ich persönlich bin ja von energetisiertem Wasser nicht unbedingt überzeugt - aber hey, ein wenig Feel-good-Magie hat noch niemandem geschadet. 😉
Das Säen, pflanzen oder die Bearbeitung des Bodens erfolgt nach dem Mondzyklus und seiner Erdkonstellation. So erklärt sich auch die Aufteilung der Rezepte, die in nach Jahreszeiten und Elementen geordnete ist: Erde/Winter, Wasser/Frühling, Luft/Sommer, Feuer/Herbst.

"Ein Jahr auf Fern Verrow" ist nicht nur ein simples Rezeptbuch, sondern gibt Einblick in das Leben und Wirken in und mit der Natur. Einleitend zu den Kapiteln, aber auch immer wieder zwischendrin eingestreut, sind Texte zum bäuerlichen Leben, beispielsweise wie der Hofalltag in der Winterzeit aussieht und wann die Sterne im Nachthimmel am hellsten funkeln, wie der Frühling mit überwältigend-knospender Gewalt Einzug hält und die erste Saat des Jahres ausgebracht wird und die ersten Lämmer das Licht der Welt erblicken.

Rezension Kochbuch: Ein Jahr auf Fern Verrow

Bauernhofküche: Die Rezepte von Fern Verrow

Die 120 Rezepte, denen jeweils noch eine paar informative Sätze beigegeben sind, lesen sich größtenteils angenehm unaufwändig, aber nicht langweilig und teils mit etwas ausgefallenen Zutaten. Informationen zu Kräutern für Tees oder essbare Blüten wechseln sich ab mit Kochanleitungen für sahnige Erbsen-Karotten mit Dill, Forelle mit Kräuterkruste und Beurre blanc, gegrillten Pfirsichen, geschmortem Kopfsalat mit Erbsen, Frühlingszwiebeln und Minze, Brathähnchen mit Couscous-Bergamotten-Farce, Kebabs mit Kaninchenfleisch und getrockneten Aprikosen, Butterrübensuppe mit Lebkuchengewürz (diese steht fest auf meiner Liste der auszuprobierenden Rezepte) oder Holunderblütensirup. Da die hochqualitativen Produkte Fern Verrow hier die Stars der oft schlichten Rezepte sind, sollte man beim Einkauf auf möglichst gute Qualität achten, da die Rezepte sonst vielleicht geschmacklich enttäuschen könnten.
Stellenweise musste ich aber auch etwas die Stirn runzeln – zum Beispiel wenn bei im Wald gesammelten Wildkräutern empfohlen wird sie nicht zu waschen (Thema: Fuchsbandwurm oder Toxoplasmose). Oder Marmeladen oder rohe Früchte nur in sterilisierte Gläser gefüllt und mit Sirup übergossen, aber anschließend nicht richtig eingekocht werden... Sowas wäre dann wirklich für den sehr, sehr zeitnahen Verbrauch und nicht zur Lagerung geeignet.

Rezension Kochbuch: Ein Jahr auf Fern Verrow

Inspiriert wurde die Bauernhofküche von Fern Verrow von dem, was wächst, aber auch von Freunden, die zu Besuch kommen und neue Rezepte mitbringen – und von den Lieblingskunden, mit denen sie sich seit fast 20 Jahre auf dem Londoner Markt natürlich auch über Zubereitungen austauschen. In den letzten vier Jahren geht ein Hauptteil der Ernte an Gemüse, Obst und Blumen übrigens fest an das exklusive Londoner Restaurant "Spring". Fertig gepackte Kisten mit saisonalem Gemüse, Obst und Blumen sind aber für normale Verbraucher via Bestellung und Abholstellen vor Ort oder im 3,5 Stunden Fahrt entfernten London erhältlich - also das nur als Info, falls hier jemand aus London mitliest. 😉

Das Buch spricht mich übrigens vor allem durch seine Bildsprache an: Die Fotos der gekochten Gericht oder vom Gemüse selbst sind von der Fotografin Tee Traeger mit schöner Schlichtheit und Simplizität in Szene gesetzt – ohne großes Chi chi. Und wer hätte gedacht, wie fotogen und schlicht schön ein paar Bohnen in der Schote, ein paar Wirsingrouladen oder ein wasserbenetzter Rotkohl auf dem Feld sein können? (Okay. Naja. Ich schon. 😉 Aber ich stehe ja auch bewundernd vor meinem sprießenden Rucola und vertiefe mich in den Anblick einer Tomatenblüte.)

Ich sehe Fern Verrow nicht nur als Kochbuch, sondern als Abbild einer persönlichen Lebens- und Ernährungsweise. Erstaunlicherweise empfinde ich es trotz der genannten Kritikpunke als ein spannendes, großes Buch voller Geschichten, schöner Fotografien, Wissenswertem und vor allem guter, bodenständiger aber dennoch nicht langweiliger Rezepte im Jahreslauf. Es ist ein Blick in ein anderes Leben und wer noch mehr Einblick in die Arbeit der beiden britischen Farmer*innen haben will, kann auf der Webseite von Fern Verrow vorbei surfen oder seine Neugier auf Instagram befriedigen.

Jane Sotter, Harry Astley
Ein Jahr auf Fern Verrow*
Knesebeck, 2016
ISBN: 978-3868739145
272 Seiten, 34,95 Euro

*Werbung. Affiliate-Links zu Amazon.
Die Rechte für die Bilder liegen beim Knesebeck Verlag

Buchvorstellung “Wunderbarer Winter” #makingwinter {Werbung}

Ich schreibe ja seit über zehn Jahren regelmäßig Rezension für ein Printmagazin. Da kommen mit allerlei Bücher unter - Gute und.. mh.. naja.. manchmal weniger Gute. 😉 Aber dieses schöne Werk namens Wunderbarer Winter* von Emma Mitchell (im Original: Making Winter) wollte ich euch unbedingt auch noch hier vorstellen, weil ich mich in diesem Mix aus Handwerklichem und leckeren Dingen einfach selbst so wiederfinde.

Buchrezension "Wunderbarer Winter" (Making Winter) von Emma Mitchell

Mit Handarbeiten gegen den Winterblues

Die mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf im ländlichen England lebende Emma Mitchell ist keine Freundin der dunklen, farblosen und kalten Jahreszeit. Nach zwei rasch aufeinanderfolgenden Schicksalsschlägen entwickelte sie in der Winterzeit Depressionen und Angstzustände. In diesem Interview im Guardian spricht sie ausführlich über ihre Ängste und darüber und wie sie es schaffte diese in Schach zu halten. Das mag für viele ein etwas ungewöhnlicher Weg sein (viel andere wiederum werden instinktiv ähnliche Pfade gegangen sein), denn neben Standard- oder Lichttherapien kämpft Mitchell unter anderem mit Kreativarbeiten gegen ihre Depressionen und Angstzustände an. Im Laufe der Jahre stellte sie fest, dass das schöpferische Herstellen mit den eigenen Händen ihr in besonders trübsamen Phasen Kraft und Lebensfreude verlieh. Und dies ist der Grund, warum dieses Buch das Licht der Welt erblickte: Um anderen Menschen, mit ähnlichen psychischen Problemen, praktisches Werkzeug an die Hand zu reichen. Quasi kreatives Anarbeiten und gemütliches Genießen von köstlichen Dingen gegen depressive Verstimmungen und Winterblues.
Dass Handarbeiten – wenn sie nicht gerade in der Kindergartenbastelhölle unter Zeitdruck stattfinden – sehr entspannend und meditativ sind, muss nur den Leuten erklärt werden, die selbst (noch) nicht basteln, malen, spinnen, stricken, häkeln, sticken, gegen schwarze Wolken im Kopf mit Hefeteig ankneten oder mit Schokoplätzchen gegen das dunkle Loch, das sie zu verschlingen droht, anbacken. Mitchell sieht ihr Buch als kreativen Survival-Guide gegen die für manche eben schwer zu bewältigende, graue, alle Farben verschlingende Winterzeit. Die Waffen, die sie ihren Leser/innen hierfür an die Hand gibt, sind bunte Wollknäule und leuchtende Stoffe, goldene Herbstblätter, wunderbare und mannigfaltige Crafting-Projekte und leckere Rezepte.

Collage Wunderbarer Winter

Handgetöpferters Geschirr, Handspindel, Kaffee & Waffeln

Bastelanleitungen & Rezepte #makingwinter

Mitchell schreibt aus ihrem Herzen heraus und holt sich mit ihrem Bekenntnis zur Sehnsucht, sich zur kalten Jahreszeit nur noch einzuigeln und Kekse in sich reinzustopfen, sicher einige Sympathien (bei mir jedenfalls auf jeden Fall...), erklärt aber den therapeutischen Nutzen von Ausflügen in die Außenwelt. Ihre Anleitungen und Rezepte sind zudem gut geschrieben und oft mit Fotografien Schritt für Schritt begleitet.
Für einige Dinge benötigt man zwar besondere Produkte, die erst besorgt werden müssen – aber vieles lässt sich bei aufmerksamen Spaziergängen der Natur, dem Park in der Großstadt oder dem eigenen Garten entnehmen oder ist im Haushalt vorhanden.
Hier finden sich zum Beispiel Anleitungen dafür wie man ganz einfach bunte Blätter oder Blüten mit einer Lösung aus Glyzerin* konserviert (sehr cool - auf diese Weise kann man übrigens auch ganze Rosenblüten oder Sommerblumen konservieren), für diverse schöne Häkelprojekte (für Häkelanfänger*innen gibt es die Grundstiche als englischsprachige Anleitung auf ihrer Homepage), echte Silberanhänger (Aus Silberknete* - ich wusste gar nicht, dass so etwas existiert! Das - leider relativ teure - Zeug ist direkt auf meine persönliche Weihnachtswunschliste gewandert.), wie man ein Naturtagebuch anlegt, Kränze windet, Meisenknödel selbst macht, sich im Zeichnen übt oder hübsche Ketten herstellt. An Rezepten zum selbst verwöhnen und verschenken gibt es beispielsweise  Schlehen-Gin, schokoladigen Tassenkuchen oder Apfel-Karamell-Schnecken – zusammen mit der Empfehlung das zusammen mit Freunden zu genießen.

Handgetöpferters Geschirr, Handspindel, Kaffee & Waffeln

Für die Fotos habe ich mir einen Vormittag gegönnt, Kaffee gekocht, mir selbst eine frisch gebackene aus dem Tiefkühler befreite Waffel auf meinem selbstgetöpferten Geschirr kredenzt, Sachen in der Außenwelt gesammelt und kleine Schätze aus unserem letzten Familienurlaub zusammengetragen und zu Collagen gelegt, wie man sie auch auf dem Instagram-Account von Emma Mitchell sieht. Blätter von Ahorn, Linde und Hasel, eine olle Glasmurmel, Muscheln vom Ostseestrand, Kirschzweige, die ich mir zum Bau von Handspindeln beiseite gelegt habe, und die letzten Blaubeeren und ein paar Chilis vom Balkon fügten sich hier zusammen. Als ich zwischendrin alles los auf einem Teller zusammenkramte, sah selbst das gut aus und zierte dann die nächsten Tage als Jahreszeitenteller unseren Tisch. Selbiges mit meinen Anfang November (ja, so lange hab ich die draußen stehen) geernteten Chilis, die eine schöne Tischdeko abgaben, bevor sie zu Chilisauce eingekocht wurden.

Jahreszeitenteller Herbst

Chili-Ernte 2018

Und da ich eh schon alles an Steinchen und Muschelchen draußen liegen hatte, habe ich das Zeitfenster auch direkt dafür genutzt, eine mit unseren Urlaubsfotos bedruckte Postkarte und Sammelgut vom Strand in einem Schwebebilderrahmen* zu arrangieren und so ein greifbares Erinnerungsstückchen zu schaffen. Das war lange geplant und so kam ich endlich mal dazu.

schwebender Bilderrahmen #makingwinter

Selfcare - Pass auf dich auf!

Etwas anstrengend ist, dass einen auch hier das trendige Label "hyggelig" direkt auf dem Cover anguckt. Denn es geht nicht nur um das Klischee der skandinavischen Gemütlichkeit, es geht darum mit Kreativprojekten gegen Zeiten anzukämpfen, in denen die Depression einem schon um die Füße schwappt und droht zur großen Welle anzuwachsen, die einen verschluckt. Es geht natürlich auch um Gemütlichkeit und Geborgenheit, die man sich selbst gönnt und schenkt - aber mehr unter dem Label Selfcare als oberflächlichem Genuss. Und es kommt dem entgegen, was ich nach meiner Schwangerschaft für mich selbst erkannt habe, und was ich mir in Momenten, in denen ich wieder drohe mich komplett aufzureiben wie ein Mantra innerlich aufsage: "Achte auf dich. Sorge dich. Kümmere dich. Erlaube dir, dir etwas zu gönnen." Es wird in den seltensten Fällen jemand kommen, der diese Zeit (und oftmals sind es ja nur kostbare 5 Minuten oder so) für dich einfordert. (Ja, ich weiß - Erwachsensein ist manchmal anstrengend. ;))

Aber unabhängig davon, ob einem die dunklen Monate jetzt besonders psychisch angreifen oder nicht: Wunderbare Winterzeit ist ein sehr schönes und liebevoll erstelltes Buch, das schöpferische Herzen höher schlagen lässt. Bestimmt macht es sich auch gut als Geschenk unter dem Tannenbaum.

Wer mehr von ihren Projekten sehen will, kann ihr auf Instagram unter dem Handle @silverpebble2 folgen. Hier nahm auch alles seinen Anfang, unter dem Hashtag #makingwinter postete sie 2015 Bilder von ihrem Anarbeiten gegen den winterlichen Schwermut und rief andere auf, dies ebenso zu tun. Der Instagram-Account lag in den letzten Monaten etwas brach, was daran liegt, dass Anfang Januar in England ihr neues Buch "The Wild Remedy"* erscheint; Dieses soll wohl tagebuchartig über ihr Jahr berichten und sich, angereichert mit ihren Zeichnungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, noch intensiver auf den Zusammenhang von Depression und Naturerfahrungen konzentrieren. Wer aktuellere Einblicke in das Leben, Denken und Wirken von Emma Mitchell möchte, findet sie auf Twitter unter dem Handle @silverpebble.

Emma Mitchell
Wunderbarer Winter*
Kösel Verlag, 2018
ISBN: 978-3466347094
128 Seiten, 18 Euro

*Werbung. Affiliate-Links zu Amazon.