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Für mehr Pink auf dem Teller: Rezept für Himbeeressig

Schon im letzten Jahr hatte mich in die Vorstellung von himbeerrotem Essig umhergetrieben. Ich liebe Himbeeren einfach. Gerade frisch sind sie wahnsinnig toll. Ihr Duft - von sanft bis bezwingend intensiv - und das Gefühl, wie die zarten Früchte dieses Rosengewächses im Mund zergehen. Hach... Das ruft in mir sofort Kindheitserinnerungen an einen speziellen Sommer in Tschechien wach. Mit einer längst vergessenen blonden Sommerfreundin verbrachte ich gefühlt halbe Tage im Wald auf einer Lichtung voller wilder Himbeerbüsche.

Selbstgemachter HimbeeressigMeine ultimative Verzehrempfehlung: Himbeeren schmecken am allergenialsten, während man auf dem Rücken im hohen Gras einer Lichtung liegt, zufrieden in den blauen Sommerhimmel blinzelt und sie nach und nach kichernd von dem langen Grashalm knabbert, auf die man sie vorher gezogen hat.

Zum ersten Mal über die schöne Idee für diesen Essig gestolpert bin ich übrigens bei dem schweizerischen Blog CosyCooking. Nun verfüge ich mitten in Berlin leider nicht über weite Felder voller reifer Himbeeren, weswegen ich zu tiefgekühlten Früchten gegriffen habe, damit dann aber auch jahreszeitunabhängig bin. An der Rezeptur habe ich auch noch ein wenig herumgespielt, bis es für mich persönlich perfekt war. Übrigens: Der selbstgemachte Himbeeressig ist wegen seiner Farbe natürlich ein toller Blickfang und ein besonders schönes Geschenk aus der Küche.

Rezept für selbstgemachten HimbeeressigIch mag den milden, süß-säuerlichen Himbeeressig. Neben den anderen Essigsorten in meinem Arsenal hat er seinen kleinen Platz. Letztens bekam ich ein Fläschchen von einem teuren, handegemachten süß-milden Granatapfelessig geschenkt - der ungelogen fast genau so schmeckt. Mein Essig ist fast eher ein Himbeersirup und wunderbar himbeerig-aromatisch. Bis jetzt habe ich ihn meist in Dressings oder zum Finish auf herzhaften Gerichten eingesetzt und nur einmal auf Vanilleeis. Das werde ich diesen Sommer aber nochmals genauer Austesten. Ich denke, sogar bestimmte Getränke könnten von dem süßen Himbeeressig profitieren. Bisher habe ich die Himbeeren mit weißem Balsamico angesetzt und mit mildem italienischen Weißweinessig. Das Geschmacksergebnis deckt sich ziemlich, mit weißem Balsamico (der aber nicht unbedingt immer zu bekommen ist) finde ich es aber etwas runder. Da spielt aber auch stark meine sehr sensible Nase mit.

Und dann... dann.. bin ich mit meinem Rezept auch noch für eine  menschliche Tragödie verantwortlich. Ich habe jemanden in die Abhängigkeit getrieben. Mit Himbeeressig! (Ich wollte ihr doch nur etwas Gutes tun. Schluchz! Wer hätte das denn ahnen können?) Als ich der syrischen Lieblingsnachbarin - die übrigens eine sehr gute Köchin ist - von meinem ersten Himbeeressig-Badge pflichschuldigst-nachbarlich ein Glas gab, war mir nicht klar, was ich damit anrichte. Ich glaube, sie hat zwischenzeitlich fast alles, was in ihrer Küche nicht schnell genug fliehen konnte, damit beträufelt und gegessen (sie gesteht allerdings nur so Sachen wie Guacamole, Nudeln, Salate, Tapas... - aber ich vermute da mehr. Viel mehr.... ;)). Zu Weihnachten bestand ihr Geschenkwunsch aus "Egal. Ich will nur Himbeeressig!".
Da seht ihr, wie es euch ergehen kann.... Deswegen behandelt das nachfolgende Rezept bitte mit angemessener Vorsicht.

Wie man Himbeeressig selber macht.Rezept für Himbeeressig

(ergibt ~ 1,8-1,9 l Essig)

1 l weißer Balsamico oder ein milder (italienischer) Weißweinessig
500g TK-Himbeeren
600 g Zucker

Zubereitung

  • Die antauenden Himbeeren in ein großes Glas geben - ein großes Einmachglas leistet hier gute Dienste - und mit einer Gabel etwas andrücken.
  • Den Essig hinfügen, umrühren und abdecken.
  • Die Himbeeren 4-5 Tage bei Zimmertemperatur durchziehen lassen.
  • Danach die Flüssigkeit durch ein engmaschiges Sieb abseihen. Himbeeren nicht durchpürieren, in Ruhe abtropfen lassen, allenfalls sanft drücken.
  • Falls doch zu viele Trübstoffe mitgekommen sind, den Himbeeressig nochmals durch ein noch feineres Sieb, ein Mulltuch oder ein anderes geeignetes Stoffstück hindurch filtern. (Ignorieren und mit den Schwebstoffen leben ist natürlich auch eine Option.)
  • Die Flüssigkeit in einen Topf geben, Zucker hinzufügen und aufkochen. Der Zucker muss sich völlig aufgelöst haben.
  • Noch heiß in ausgekochte Gläser und Flaschen abfüllen, verschließen und umgekehrt auf ein feuchtes Tuch stellen (wie beim Einkochen halt auch....), hält sich in der Vorratskammer so eigentlich bis zu einem Jahr.

Auf der Suche nach dem perfekten Pflaumenmus: Powidl aus dem Backofen

Ich bin Pflaumenmus-Puristin. Oder eher Zwetschgenmus. Das hat schon in meiner Kindheit und mit den Urlauben in der Tschechei und in Ungarn begonnen. Dort gab es nämlich pechschwarzes, dickes, fruchtiges und teerartiges Pflaumenmus in hohen Pappbechern zu kaufen, das für mich die marmeladentechnische Glückseligkeit bedeutete und die Messlatte für alle weiteren Pflaumenmuserfahrungen festlegte.

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Fortan musste sich also jedes käuflich erwerbbare Pflaumenmus an dieser Kindheitserinnerung messen. Und versagte dabei natürlich kläglich. Später versuchte ich mich als Kochanfängerin daran und nahm (wie ich heute weiß) die falschen Früchte (Pflaumen statt der korrekten Zwetschgen) und die falsche Vorgehensweise (viel zu kurz kochen statt backen). Als ich letztens im Supermarkt über tolle  Zwetschgen stolperte, die sich perfekt vom Stein lösten und auch noch süß waren  süß genug erschienen, habe ich nach einigem Nachdenken zugegriffen und mich an mein Zwetschgenmusexperiment gewagt.

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Wie wird echtes Powidl/Latwerg gekocht?

Wirklich echtes Powidl  wurde früher über Stunden hinweg rührend in Kupferkesseln*gekocht, bis es angemessen einreduziert war. (Wobei diese Bezeichnung eher böhmisch/österreichisch ist. Hierzulande nennt es sich eigentlich Latwerg, ist aber so aus der Mode gekommen, dass das kaum noch jemand weiß.) Das ergab dann dieses dicke, fette, fruchtige, schwarze Zeug, das sich nur reißend vom Löffel löst, anstatt runterzufließen. Da es so stark reduziert wird (aus 500g Früchten soll nur 100g Zwetschgenmus werden), wird es traditionell auch nicht zusätzlich gesüßt. Die Zwetschgen sollen deswegen möglichst reif und süß gewählt werden.
Da ich weder Kupferkessel habe, noch mich mit anderen Leuten beim Einkochen über knapp 24 Stunden hinweg ablösen kann, habe ich die Backofenmethode gewählt, wo die Fruchtmasse über Stunden hinweg langsam einkochen kann.

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Pflaumenmusbrot-bsDas Powidl-im-Backofen-Experiment...

... war absolut erfolgreich! Nelken, Rum oder Zitronenschale habe ich nicht zugesetzt, mein einziges Zugeständnis war eine einsame Stange Ceylon-Zimt, die ich beim Einkochen im Ofen in der Masse versenkt hatte und die sich geschmacklich nicht wirklich niederschlug. Und ganz am Ende eben etwas Akazienhonig, weil ich zu ungeduldig war und meine Zwetschgen aufgrund des Reifegrades noch nicht genug Süße her gaben.
Bei der Temperatur habe ich Angaben von 150° bis 200° gefunden. Ich habe je nach Stadium des Muses mit Temperaturen von 150° bis 175° gearbeitet. Ganz am Anfang, wo noch mehr Flüssigkeit vorhanden war, war sie eher hoch, was ich dann nach und nach im Laufe der Stunden absenkte. Zeitangaben habe ich auch unterschiedliche gelesen. Von drei bis acht Stunden war alles zu finden. Bei mir hat es ungefähr sechs Stunden gedauert. Aber ganz ehrlich - der Energieaufwand und die Ausbeute... naja... Auch wenn ich mich seit Wochen jeden Morgen an meinem genialen Powidl erfreue und mir damit Butterbrotstullen und auch Herzhaftes bereichere - frau grübelt dann doch schon, ob sich das aufwiegt.

Powidl-Collage-sRezept für Powidl

(ergibt ca. 900g Powidl)

4,5 Kg vollreife Zwetschgen (gewogen mit Kern)
400-600 ml Wasser
1 Zimtstange (optional)
Bei Bedarf: Akazienhonig zum Nachsüßen

Benötigtes Equipment: Pürierstab*, Brettchen, Messer, Gänsebräter*

Zubereitung

  • Zwetschgen waschen, halbieren, entsteinen und in einen Topf oder Bräter geben.
  • Das Wasser hinzugeben und mit Deckel bei mäßiger Hitze weich kochen, bist die Früchte anfangen zu zerfallen. Aufpassen: Brennt leicht an!
  • Zwetschgen vom Herd ziehen, fein pürieren mit einem Pürierstab.
  • Falls noch nicht geschehen, dann jetzt in den Bräter geben und im vorgeheizten Backofen für ~ 6 Stunden ohne Deckel bei 150-175° backen (siehe Kommentar oben).
  • Zwischendurch ab und an umrühren und Mus, das angebacken ist, vom Rand schaben. Falls nötig: Kochlöffel in Herdklappe klemmen, damit der Wasserdampf abziehen kann.
  • Wenn das Zwetschgenmus die gewünschte Konsistenz hat (ungefähr 1/5 von der Ausgangsmasse), probieren, evtl. noch mit Honig nachsüßen und noch heiß in ausgekochte Gläser füllen.

 

*Werbung: Affiliate-Link zu Amazon. Bei einem Einkauf hierüber erhalte ich eine geringe Provision.

Erntezeit: Samtiges Apfelmus mit Honig und Vanille

Neben meiner syrischen Lieblingsnachbarin habe ich natürlich noch andere Lieblingsnachbarn. Eine Familie hier im Aufgang hat sich dieses Jahr einen Schrebergarten weit außerhalb von Berlin angelacht - inklusive schon vorhandenen und schön tragenden Apfelbäumen. Natürlich lechzte ich direkt nach den Bio-Äpfeln. Auch Fallobst - na klar. Ist für Apfelmus ja super geeignet.

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Mit gekauftem Apfelmus kann man mich so gar nicht reizen. Viel zu viel Zucker und todgekochte Süße. Aber jetzt konnte ich mich ja mit Klaräpfeln (eine sehr frühe Apfelsorte mit empfindlichen kleinen Früchten, die sich gut zum Einkochen eignen) und einer unbekannten rotwangigen Sorte ausleben. Meine Eltern hatten früher auch einen wundervoll tragenden Baum im Garten, mein Vater wurde dann immer - zum leichten Entsetzen meiner Mutter - im Jahresrhythmus vom Ehrgeiz des Einkochens und dem Ziel alles, aber auch wirklich alles, bis zum letzten Appelgriebsch zu verwerten, befallen. Noch zu einer Zeit von Flotter Lotte gab das irgendwie immer ein ziemliches Gepansche ... was aber auch an der Art des Kochens, die mein Papa vertritt, liegen könnte... 😉

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Und da hier ein (inzwischen etwas in die Jahre gekommener, halb kaputter, aber wirklich heiß geliebter) Pürierstab der Marke zum Einsatz kommt, die hier um Rezepte bittet, passt das doch perfekt, um der lieben Zorra zum neunten (Wow! Echt schon so lange?) Geburtstag ihres Blogs "Kochtopf" zu gratulieren.

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Basisrezept für Apfelmus - ein paar Tipps

Da es ja ein grundlegendes Rezept ist, das man ganz einfach varriieren kann, vor dem Kochen ein paar Tipps am Rande.

  1. Äpfel sind Naturprodukte. Je nachdem, welche Sorte man verwendet, ändert sich natürlich auch ein wenig das Rezept. Sind sie besonders sauer, muss man vielleicht später noch etwas nachsüßen. Sind sie besonders saftig, reduziert man die Wassermenge und ergänzt notfalls während des Kochens.
  2. Der Honig (auch simpel durch Zucker ersetzbar) muss nicht karamellisiert werden. Man kann auch einfach direkt alle Zutaten in einen Topf werfen und abwarten.
  3. Feel free to modify. Es ist ein Basisrezept für leckeres Apfelmus. Mach es dir zu eigen, füge vielleicht noch etwas Zimt hinzu, tob dich beispielsweise mit Piment, Nelke, Lavendel, Minze oder gar Salbei aus. Oder lass es einfach so - ist ja auch lecker genug. 😉

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Grundrezept für Apfelmus

Erbigt circa vier kleine Gläser Apfelmus (4 Portionen)
1,1 Kg Äpfel (Bei mir = 750 g geschält & geputzt)
100-300 ml Wasser
80 g Honig
Saft 1 Zitrone
1/8 TL gemahlene Vanilleschote (alternativ: Vanilleschote auskratzen und alles dazu geben)

Zubereitung

  • Honig in den Topf geben und bei mittlerer Hitze karamellisieren lassen. Aufpassen, dass er nicht verbrennt.
  • Die geschälten, geputzten und in grobe Stücke geschnittenen Äpfel darauf geben, kurz mitschwitzen lassen. Der Karamell löst sich durch die austretende Feuchtigkeit an. Auch hier: Aufpassen, dass nichts anbrennt, eventuell kurz von der Platte nehmen.
  • Mit einem Teil Wasser und Zitronensaft ablöschen, Vanille unterrühren. Hitze erhöhen und Apfelstücke weich kochen lassen. Falls nicht genug Flüssigkeit vorhanden ist,  noch etwas Wasser hinzu geben.
  • Nebenbei in einem Kochtopf saubere Gläser und deren Deckel auskochen und ein feuchtes Küchentuch bereit legen.
  • Die Apfelmasse mit einem Pürierstab fein pürieren. Abschmecken und eventuell noch nachsüßen. Ist das Apfelmus zu flüssig, dann unter Rühren noch etwas einkochen lassen.
  • Das fertige Apfelmus in die ausgekochten Schraubgläser füllen, Deckel aufsetzen, fest verschließen und umgedreht auf das feuchte Küchenhandtuch stellen.

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DIY – Selber kochen, selber backen, selber Dinge machen. Rock your Umwelt. :-)

Als ich an meinem Artikel über das Pflaumenchutney tippte, flossen mir noch einige andere Gedanken in die Tasten. Immer, wenn ich Obst und Gemüse einkoche, muss ich an meine Omi denken. Sie hatte in ihrem Schlafzimmer einen Schrank, hinter dem sich allerlei eingekochte Leckereien verbargen. Zu Ostzeiten hatte sie einen (mir jedenfalls groß erscheinenden) Schrebergarten mit ellenlangen Johannisbeerhecken (der Duft schwarzer Johannisbeeren..), Erdbeeren, einem Birnenbaum (um dessen große, herabgefallene , supersaftige Früchte sich immer irgendwelche Wespen neben unserer Schaukel stritten) und einen Kirschbaum. Gurken und massenweise Bohnen waren auch vertreten, Pflaumen muss es auch irgendwo her gegeben haben - diese sind mit ihrer ledrigen Haut, ebenso wie das schwammige Pendant aus rotgrauen Matsch-Erdbeeren, als eingekochtes "Kompott" allerdings immer die eingeweckte Nemesis meiner Kindheit gewesen.
Oh... aber dieser verschlossene, bis oben hin angefüllte geheimnisvolle Wandschrank in der Sommerkühle  eines Oma-Schlafzimmers. Ich habe ihn heute noch vor Augen. Wenn ich daran denke, ist das Zimmer da. Samt Geruch, den herrlich kitschigen rosa Prinzessinnen-Rüschengardinen, dem Geräusch der Straßenbahn vorm Haus und Fachwerkholz. Und der erwartungsvollen Stille, die man nur aufdecken müsste, um das Verborgene zu sehen.

Eingekochtes macht glücklich!

Es ist ja oft so, dass einem Dinge im Alltag überall mehr zu begegnen scheinen, wenn sie bei einem persönlich stärker in den Fokus rücken. So geht es mir gerade mit dem Thema "Selbermachen". Ich fand es als Kind schon immer spannend, seine Vorratskammer mit dem Werk der eigenen Hände zu befüllen. Ein Konzept, das mich ja auch zu vielen anderen Bereichen - nicht nur dem Kochen - geführt hat. Ich gärtnere (im Rahmen meiner Möglichkeiten) in Hinterhof und einem Communitygarten herum. Ich finde es faszinierend, Gebrauchsgegenstände und Nahrung selbst herzustellen. Wenn ich einen Strang handgesponnener Wolle fertiggestellt habe oder die Gläser mit selbstgemachter Marmelade in die Vorratskammer stelle, dann erfüllt mich ein absurder Stolz und bringt mich dazu, debil grinsend mein Werk zu bewundern. Ich erwische mich dabei, wie ich verliebt über Gläser mit selbstgekochtem Ketchup und Chutney streichle und verträumt innehalte, wenn ein Sonnenstrahl den Edelsteinton des selbstgemachten Brombeerlikörs erhellt.

Ich möchte daneben stehen und sagen: So schön! Seht wie schön es ist! Guckt was ich geschaffen habe! Ich! Nur mit diesen beiden Händen hier, meinen Gedanken und meiner Vorstellungskraft. Ich nehme die Sachen in die Hand. Befühle die Struktur der Wolle, denke darüber nach, was wohl aus ihr entstehen will. Ich bewundere die Farben in den glatten Gläsern und wie die Substanz im Inneren sich an die Wand drückt, bin erfüllt mit Vorfreude - Wann und wozu werden wir das wohl zukünftig essen? - oder denke darüber nach, wem es als Geschenk wohl besondere Freude bereiten würde. Diese Transformation von einfachen Ausgangsmaterialien in Gebrauchsgüter - nicht mal abgehobene Sachen, sondern Dinge, die man wirklich nutzt - finde ich einfach faszinierend.
Es ist wie eine Gewürzmischung, die man erstellt. Zig einzelne kleine Kräutlein, die alleine nicht wirken und erst wenn man sich für sie Zeit nimmt, sie von ihrer Schale befreit, röstet, zerstampft, mischt und dann anderer Nahrung hinzufügt - dann bilden sie ein großes Ganzes, das seinen Zauber ausspricht und über das Gericht legt. Und wenn einem das glückt, man eine gute Leistung erbringt, durch Zufall und Erfahrung das richtige Zauberpulver anrührt - dann ist man eben einfach zufrieden und glücklich.

Urbane Landwirtschaft? Cityfarmen in Berlin?

Das klingt jetzt alles sehr Öko - aber ich bin eigentlich keine klassische Verfechterin von Grünkernprodukten (Wobei die auch essbar sein können. Glaub ich.), Hippie oder typisch-klischeehafte Birkenstockträgerin. Ich habe die Dinger immer gehasst und mein Kosmetikregal und Kleiderschrank sehen nicht unbedingt nach ungefärbtem oder gebatiktem Naturleinen aus oder so... Ich glaube, ich bin einfach eine urbane Mischung aus technikinteressiertem Nerd,  garniert mit von Extrem-Feministinnen sicherlich naserümpfend betrachteten Weibchenskills, einer großen Prise (Geistes-)Wissenschaftlerin und Historikerin, die begeistert und gerne alles ausprobiert, sich kein "Das geht nicht" gefallen lässt,  herumtüftelt, dem latenten Hang zum Nachdenken und nachhaltigen Produkten frönt, aber durchaus auch mal die gekaufte Currywurst mit Pommes Schranke zu schätzen weiß (Steinigt mich doch!). Hätte ich mehr Geld, würde man mich wahrscheinlich in die unsäglich hippe Ecke der Lohas stecken. Wobei - gibt es die eigentlich noch? Sind die vielleicht gar nicht mehr hipp?

Letztens las ich jedenfalls das Buch Meine kleine Cityfarm: Landlust zwischen Beton und Asphalt von Novella Carpenter. Gut, der deutsche Titel ist mal wieder schrecklich und ich möchte zwar nicht in einem absoluten Ghetto wohnen (Friedrichshain ist angenehm alternativ, allerdings leiden wir unter der zunehmenden Gentrifizierung) aber dieses Konzept das Landleben, das Selbermachen und Landwirtschaften mit allen Vorzügen der City zu verbinden - hach bitte, wo kann ich das sofort haben? Wenn ich könnte wie ich wollte, würde ich mir Ziegen, Hühner und auch ein glückliches Schaf anschaffen. Vielleicht noch einen Lehmofen bauen und einen kleinen Fischteich anlegen. Hochbeete auf jeden Fall. Einen Amboss könnte ich auch gebrauchen. Schmieden wollte ich nämlich schon immer mal. Und das mitten in Berlin im Hinterhof - ist doch klar. Wenigstens würde ich dann zur Abwechslung mal meine Nachbarn in den Wahnsinn treiben und nicht umgekehrt. 😉 Ja, ich weiß. Es wird wahrscheinlich ein utopischer Traum bleiben.

Die Rückkehr des Handwerks in den Alltag

Aber ich finde diese "Trends", die sich gerade entwickeln, einfach spannend. Ich fühle mich ein wenig wie eine Sozialwissenschaftlerin (ähm, Moment, stimmt.. da habe ich ja tatsächlich auch einen Studienabschluss drin... ), die sich zurück lehnt, alles über den Rand ihrer Brille beobachtet, amüsiert ihren Tee schlürft und sich über die Jahre hinweg geistig Notizen zur Gesellschaftsentwicklung machen. Ich bezweifle allerdings, dass diese Entwicklung insofern rein auf die Wirtschaftskrisen zurückgeht, dass man auf diese Weise Dinge herstellt, die zu teuer für einen geworden sind. Diese Theoretiker haben wahrscheinlich noch nie einen Blick in einen Handarbeits- oder Bastelladen geworfen oder eine Zusammenkunft mit Geschäften gehabt, in denen Gläser im Vintage-Landhaus-Look zu mehr als ordentlichen Preisen verhökert werden. Die zahlkräftigen Hausfrauen (sorry für das Klischee), die gerne selbst wieder aktiv werden wollen und teilweise absolut keine Ahnung von den Marktpreisen haben, werden nämlich von findigen Geschäftsleuten durchaus ganz schön abgezockt. Dabei kann man natürlich durchaus preiswert ganz fantastische Sachen zaubern - wenn man weiß wie. Was die Wirtschaftskrisen angeht nehme ich persönlich eher an, dass sie die DIY-Leidenschaften antriggern, weil der Mensch auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit seinen Nestbautrieb anwirft.

Stricken ist das neue Cool?

Früher wurde ich von Freunden oft komisch angeguckt, wenn ich Handarbeiten machte oder Kochbücher nach Metrezepten durchforstete - heute guckt kaum noch jemand komisch, oder fragt eher, ob ich es ihr oder ihm beibringen kann (ich gebe übrigens auch Spinnkurse hier in Berlin ;-)). Foodblogs und Do-it-yourself-Blogs boomen, und als ich eben im Buchladen rumkramte, stach mir neben dem Stapel mit Strick-Basic-Büchern und drei verschiedenen Werken, um die eigene Wohnung Shabby Chic-like zu pimpen und umzudekorieren, das Buch "Vintage your life!" ins Auge (nach kurzem Hineinlesen will ich mich damit allerdings nicht "vintagen", scheinbar bin ich schon total "vintage", weil ich selbst Dinge einkoche und gärtnere. Beim Blättern las es sich wie eine en-vogue-mäßige Empfehlung zum Umstylen des Lebens. Neue Modeartikel: Schaufel und Einmachglas. Aber vielleicht tue ich dem Buch unrecht. Ein paar nette Links und Tipps waren ja auch drinnen.) und ein Rezensionsexemplar von "Hab ich selbst gemacht: 365 Tag, 2 Hände, 66 Projekte" ziert seit ein paar Tagen meinen wolkenkratzerartigen Lesestapel. Lesenswert ist auch das Online-Magazin "Eigenwerk", das zumindest sehr nette Anregungen gibt. Letztens hatte ich eine Schülerin zum Einzelunterricht fürs Spinnenlernen da - sie kam im eleganten Georgette-Sommerkleid und in weißen Pumps. Ich hätte im Traum niemals geraten, dass sie wirkliches und ehrliches Interesse an dieser Technik hat.
(Kleiner Neben-Exkurs: Interessanterweise sind es vor allem eher Männer, die ein Problem mit den wiederentdeckten Handarbeiten haben und auf strickende Frauen eher naserümpfend reagieren. Ich wage die Vermutung, dass bei den meisten Herren der Schöpfung ein ausgeprägtes grässliche-Häkelkissen-Klöppeldeckchen-auf-Sofalehnen-oder-kratzender-Wollpullover-von-der-Oma-der-zwangsweise-getragen-werden-muss-Trauma besteht, weswegen sie Handarbeiten sofort mit ältlichen asexuellen Damen und nicht vorhandenem Geschmack asoziieren und dies dann mit dem Blick nackter Panik auf ihr cooles, modernes Artyarn verarbeitendes Gegenüber  projizieren.)

Und wenn man in Foren quer liest, fragen Leute in meinem Alter, wo sie Weckgläser und Einkochautomaten herbekommen. Sie würden das ja auch  ganz gerne mal machen. So irgendwie. Die Oma hätte sowas noch alles gehabt, die Mütter hatten dann meist eher kein Interesse daran und vor zehn bis zwanzig Jahren ist halt alles in den Müll gewandert, weil niemand den ollen Kram wollte. Wie oft habe ich in den letzten Jahren gelesen: Ach Mist! Hätten wir das gewusst, wir hatten ja alles dafür da! Und wie oft erntet man verständnislose Blicke und den leicht ungläubigen Satz "Wie...? Das ist eeehheeecht selbstgemacht?!"  (In meinem Fall antwortet man dann leicht verwirrt zurück: "Ähja.. in meiner Küche...?")

Und was sollte das Ganze jetzt?

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich kaufe gerne Dinge. Viel zu gerne. Ich gehe gerne Shoppen und komme dann beispielsweise mit unpraktischen Pumps wieder, die das Laufen auf dem Kopfsteinpflaster in Berlin eher zu einem extrem experimentellen Erlebnis machen. Aber ich investiere einen Großteil meiner freien Zeit eben in solche für viele sinnlos erscheinen Sachen. Ich sehe Dinge an und denke mir "Hey... das kann ich doch selber machen... Lass mich kurz überlegen wie..!" Ich liebe diese Denkaufgabe, freue mich, wenn ich erfolgreich improvisiere. Was dann oft akute Bastelphasen zur Folge hat. Das führt dann beispielsweise dazu, dass ich spontan eine Töpferei stürme, in Pappmaché versinke, Seife siede, fast von meinem Stofflager erschlagen werde und mit meiner widerspenstigen Nähmaschine kämpfe, mich plötzlich mitten im Selbstbau eines Regals wiederfinde, glücklich in meinem magischen Kessel rühre und Hustensirup einkoche oder mich am Ende freudig mit dreckigen, stinkenden, frisch geschorenen Schafsvliesen auseinandersetze. Die Belohnung liegt in der Befriedigung über die erbrachte Leistung und im Genuss des Produktes selbst.

Und hiermit komme ich dann auch endlich an das Ende meines ellenlangen kreativ-Geschwafels und Gedankenwustes. Eine Quintessenz dieses Blogposts bekommt ihr von mir allerdings nicht. Ich bin eher fasziniert. Und beobachte. Ich liege gerade mal im Trend. Aha. Ich betreibe sogar eine Form von Luxus-Hobby. Werde ich dem nächsten aus der Generation "Ieeeeh? Selbermachen?!?!", der mir herablassend mitteilt "Aber das kann man doch im Laden kaufen!!" mal unter die Nase reiben.

Was ich eigentlich sagen will: Handwerk ist toll, also nehmt euch ein wenig den DIY-Geist zu Herzen und rockt und nervt eure Umwelt. Habt Spaß und macht euch selbst glücklich. 😉

Liebe Grüße

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