Berliner Freestyle-Küche, quer durch Kontinente & Zeitzonen

Kleine Blogpause

Blogpause im magischen Kessel / Foodblog

Ihr Lieben,

ihr habt es ja schon gemerkt, dass es in den letzten Wochen hier sehr ruhig war. Eine Menge Rezepte liegen in der Schublade, auch schon mit Fotos, die müssen sich aber aus Gründen noch etwas gedulden. :) Also steckt die Nase in die wunderbare Frühlingsluft, genießt die Sonne, kocht und backt köstliche Dinge und drückt uns mal einfach die Daumen für die nächsten Tage und Wochen, schickt ein paar gute Gedanken, dass alles gut geht – das würde mich freuen.

Auf ganz bald

Eure Shermin

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Ruths Kochbuch: Erinnerungen & Rezepte aus der aschkenasischen Küche

Da ich momentan aus gewichtigen und schönen Gründen etwas mein geliebtes Foodblog vernachlässigen muss, serviere ich euch mal wieder eine – für das Blog teils ergänzte – Rezension, zu einem Kochbuch die ich in diesem Jahr für den Printbereich verfasst habe. Es geht um die jüdische Küche, aber vor allem um Erinnerungen. Sehe ich die derzeitige Situation in unserem Land, die brennenden Flüchtlingsheime, das verlorene Vertrauen in staatliche Institutionen durch den tiefbraunen Filz der dort haltlos wuchert, die Gier, den Hass auf andere Menschen, dann wird mir das Herz eng. Wie kann man schon vergessen haben, was genau dieses Verhalten vor gerade einem Menschenleben verursacht hat? Der Mensch ist des Menschen Wolf. Irgendwann sollten wir doch endlich mal dazu lernen…

Ruths Kochbuch / Gerstenberg Verlag

Ruths Kochbuch: Erinnerungen & Rezepte

Ruths Kochbuch* von Ruth Melcer und Ellen Presser lädt nicht nur dazu ein, neugierig die Nase in die Welt der aschkenasischen (osteuropäisch-jüdischen) Küche zu stecken und traditionelle Rezepte zu erforschen – es ist so viel mehr: Nicht nur ein simples Kochbuch, sondern vor allem ein Erinnerungsbuch. Wir alle wissen ja, wie sehr Essen mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft sein kann. Ein Krümelchen Kuchen, ein bestimmter Duft,  der uns in die Nase steigt, und schon sind wir geistig in einem anderen Jahrzehnt und sitzen vielleicht neben Menschen, die längst nicht mehr körperlich bei uns sind.
Ruth schrieb dieses Buch zusammen mit Ellen Presser eigentlich als Familiengeschenk zur Bar Mitzwah ihrer Enkel, um etwas Greifbares zu schaffen, denn zeitgleich mit dem Gedenken an ihre Familie ist es ein Buch, das den Leser/innen viel über die jüdische Kultur und deren (Essens-)Bräuche beibringt. Damals und auch noch heute aktuell.

Ruth – die selbst als berufstätige junge Mutter im München der 1960er zunächst eigentlich wenig Begeisterung zum Kochen ausbrachte – beginnt ihre Erzählung mit ihren kochverliebten polnischen Ahninnen und mit ihrer eigenen Geburt. Das erste, heißgeliebte Enkelkind, das von Eltern, Tanten, und Großeltern in einer gutsituierten jüdischen Familie verwöhnt wird und später in der harten Realität des Konzentrationslagers Auschwitz/Birkenau landet – und überlebt. Wie durch ein Wunder finden die traumatisierten Überlebenden der Familie nach dem Krieg zunächst im polnischen Dorf wieder zueinander, wandern nach einem Pogrom 1946 aber nach Deutschland aus.

Die Familiengeschichten und Berichte sind mit den wenigen, sehr persönlichen noch erhaltenen Fotografien der Familie illustriert – beispielsweise mit dem etwas verschwommenen Foto mit dem blondlockigen, lachendem Kindergesicht, Ruths kleinem Bruder Mirek, der mit sechs Jahren im Konzentrationslager der Mutter entrissen und zusammen mit anderen Kindern ermordet wurde. Authentische Schwarzweißfotografien ergänzen die Zeitberichte. Optisch ist das Kochbuch schön aufgemacht, der Stil des Covers setzt sich konsequent im Innern fort, ist allerdings fast etwas überladen. Schade ist, dass den Fotografien der Gerichte wenig bis kaum Raum geschenkt wird. Oft sind die Speisen nur relativ klein oder stark optisch verfremdet abgebildet.

Rezepte aus der aschkenasischen (jüdisch-osteuropäischen) Küche

Nicht alle Rezepte und Zutaten sagen einem vielleicht auch zu… (Das Rezept im Buch wird im Leben nicht gegen die Hamantaschen einer lieben Freundin von mir ankommen. Oft erinnern mich die Zutatenlisten auch an Familienrezepte bei uns, geboren aus Dingen, die es damals einfach gab und die normal waren. Zum Beispiel Margarine im Kuchen oder Vanillinzucker. Zutaten, die ich aus meiner Perspektive des relativen Luxus von heute meist lieber durch Butter und echte Vanille ersetze. Aber auch bei uns existiert “DAS” eine Familienkuchenrezept, das irgendwie nur echt mit nem Würfel Margarine ist. ;))
Aber Ruth hat ja eben auch nicht den Anspruch ein universelles jüdisches Kochbuch zu schreiben, es ist ihr persönliches Familienkochbuch. Ein Sud aus Überlieferungen, Erfahrungen und persönlichen Vorlieben, gewürzt mit ihren Gedanken und Geschichten.
Serviert wird eine bodenständige und nicht zu verzierte polnische Küche mit vielen Fleisch- und Krautgerichten, ein Kapitel widmet sich mit seinen Rezepten auch ausschließlich dem Pessachfest. Kasche (Buchweizengrütze), Latkes (Kartoffelpuffer), Blini (Eierkuchen), Sauerkraut, Borschtsch, Gefilte Fisch, Krupnik (Graupensuppe), Kreplach (Teigtaschen für die Suppe), Matzeknödel, Tscholent (Eintopfgericht), Charosset (süßes Fruchtmus), Challah (Hefebrot), Hamantaschen (süßes Gebäck) und viele schöne Kuchenrezepte sind nur einige der reichhaltigen Rezepte, die einem hier neben den Geschichten und Anekdoten begegnen.

Nur ein steinernes Herz bleibt wohl von Ruths Familiengeschichte während und nach der Nazizeit gänzlich unberührt. Es ist mehr als eine bloße Rezeptsammlung, es ist ein Erinnerungsbuch. Und im Angesicht von ungezählten Kindern, die heutzutage wieder sterben, Menschen in Sammellagern, Bomben, verhungernden Menschen, brennenden Flüchtlingsheimen und Zäunen die geplant werden, um “uns” von “denen” zu unterscheiden, macht dieses Buch auch nochmal bewusst, wie gefährlich und beängstigend der Weg ist, auf den sich unser Land zum Teil wieder begeben hat.
Ein bittersüßes Buch. Zum Weinen, zum Freuen, zum Genießen, vor allem aber: zum Leben. Lechaim!

Ruths Kochbuch*
Gerstenberg, 2015
ISBN: 978-3836920957
160 Seiten, 19,95 Euro

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Lipton sagt “Willkommen!” [Werbung]

Und was sagt mehr “Willkommen!” als ein einladendes “Hey, schön, dass du hier bist. Möchtest du nen Tee? Nimm dir ne Tasse und setz’ dich zu uns!”. Schon komisch.. geht es einem nicht gut, muss man sich in Geduld üben – ein Tässchen Tee wärmt von Innen. Selbst Sheldon bietet laut seinem Freundesprotokoll in emotionalen Notsituationen als probates Ersthilfemittel ein Heißgetränk an. 😉

Die ganze Welt in einem Haus…

Ja, na klar. Die fast 150 Jahre alte Marke Lipton ist Teil eines großen Konzerns. Werbung beeinflusst und prägt uns jeden Tag in unserer Gesellschaft, auch wenn wir sie vielleicht nur am Rande wahrnehmen. Gerade in der momentan aufgeheizten Stimmung in Deutschland, die mir persönlich ahnungsvolle Schauer (und das meine ich garantiert nicht positiv) über den Rücken jagt, empfinde ich es als schön gesetztes Zeichen, darauf hinzuweisen wie divers, bunt und dadurch wunderbar und wertvoll unsere Welt doch ist.  Wenn man darüber nachdenkt: Ist es im Grunde nicht auch faszinierend, dass eine Tasse heiß aufgebrühter Blätter quasi fast auf dem gesamten Planeten ein universelles Willkommensritual ist?

Werft mal einen Blick in das gesponsorte Video, ich bin momentan aus Gründen etwas auf der emotionalen Schiene und mich hat es angesprochen. 😉 Hier kommen Cis-Männer, -Frauen, LSBTTIQs, PoC, White Dudes, Alte und Junge zusammen. Natürlich ist es auch wieder eine Reduzierung & Verallgemeinerung, alle Gruppierungen kann man in so einer kleinen Schnittmenge leider nicht repräsentativ darstellen. Aber der Grundgedanke von Regisseur Todd Selby, dass Alter, Geschlecht, sexuelle Ausrichtung, Aussehen, Religion oder Herkunft im Grunde unerheblich sind und wir alle mit gleichem Recht im selben Haus leben (sollten..), ist eine treffende Metapher und rückt Verhältnismäßigkeiten ein wenig zurecht.

Also: Einfach mal innere wie äußere Türen aufstoßen, öfter auf die Gemeinsamkeiten blicken, nicht auf das was uns trennt, und mit einer Tasse Tee neugierig und offen “Willkommen!” sagen.

Gesponsort von Lipton

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Eierkuchenrezept zum Wohlfühlen [Grundrezept]

Eines meiner Wohlfühlessen? Also wenn wirklich alles total doof ist und ich alle kalorischen Bedenken in die Ecke werfe und mir (oder anderen) etwas Schönes zu Essen schenken will? Eierkuchen. Ganz klar.

Grundrezept für Eierkuchen

Vor mich hin summend rühre ich dann in meiner derzeit liebsten Backschüssel* (ja… ich konnte nicht wiederstehen und musste mir die wünschen) von Hand den Teig zusammen, und backe die kleinen Eierkuchen via tiefsinniger Bratpfannenmeditation aus. Bewundere die Muster, die die Pfanne auf meinen Eierkuchen hinterlässt und schubbse sie glücklich auf den kleinen Pfannkuchenstapel auf dem Teller.

Grundrezept für Pfannkuchen

Das Geheimnis guter Eierkuchen…?

…Zeit, ne Prise Küchenliebe und genug Flüssigkeit im Teig. Je nach Größe der verwendeten Eier oder welchen Tag das Mehl gerade erwischt hat, gebe ich etwas mehr Milch hinzu, damit der Teig schön dünn und nicht fest und reißend ist.

Heraus kommen am Ende elastische, nicht zu dünne, aber auch nicht zu fette Pfannkuchen, die sich gut rollen lassen. Also das deutsche Bindeglied zwischen hauchfeinen französischen Crêpes und fluffigen US-amerikanischen Pancakes. Ich habe eine uralte, schrömmelige, aber heißgeliebte kleine Pfanne zum Eierkuchenbraten. Circa acht Stück kommen hier heraus. Genug, damit sich eine sehr hungrige Person ein wenig an Eierkuchen überfressen oder sie genügsam mit einer zweiten Person teilen kann.

Wer mag, kann den Teig natürlich noch aufpeppen – mit etwas Zitronen- oder Orangenabrieb oder anderen Gewürzen.

Wohlfühlessen: Grundrezept für Eierkuchen

Die Begleitung zum Eierkuchen: Karamellisierte Banane

Für viele ist die Schokoladencreme, Marmelade, Zimtzucker oder der Obstsalat die perfekte Dreingabe. Gehe ich vollständig auf dekadenten Eierkuchen-Luxus (wozu es – ich gestehe – meist keine großen Überredungskünste der zu bekochenden Personen braucht ;)), gebe ich  nach dem Braten der Pfannkuchen gerne einen Esslöffel Zucker in die Pfanne, lasse diesen schmelzen und karamellisieren, ziehe dann schnell eine kleingeschnittene Banane und Sesamsaat oder gehackte Walnüsse hindurch und lösche abschließend mit etwas Sahne ab. Nom! Aber auch mein samtiges Apfelmus mit Honig und Vanille und ein Klecks Butter machen sich erwiesenermaßen hervorragend zu Eierkuchen. Oder denkt nur an die selbstgemachte Schokoladensauce!

(Und bevor jemand kreischt: Auf meinem Tellerchen sind deswegen außersaisonmäßig Johannisbeeren, weil ich die Fotos halt im letzten Jahr gemacht habe…)

Grundrezept: Wie macht man leckere Eierkuchen/Pfannkuchen?

Rezept für meine weltbesten Eierkuchen (Grundrezept)
(für eine extrem verfressene oder zwei genügsame Personen)

140 g Mehl
30 g Zucker
3 Eier (M)
150 g Milch (so viel, bis es ein dünner Teig wird)
Msp. Vanillepulver*
Msp. feines Meersalz

Zubereitung

  • Mehl, Zucker und Gewürze vermengen und dann in einer Backschüssel, mit Hilfe eines Schneebesens, mit den Eiern zu einem dicken Teig verrühren.
  • Die Milch einarbeiten, bis es ein dünner, homogener Teig ist.
  • Den Eierkuchenteig 15 Minuten quellen lassen.
  • Portioniert mit einer Saucenkelle in einer kleinen Pfanne bei mittlerer Stufe ausbacken. Darauf achten,  die Oberfläche fest werden lassen bevor der Eierkuchen gewendet wird.
  • Beim Ausbacken  nur wenig Öl verwenden (sonst werden die Ränder so kross), eventuell die Pfanne wiederholt mit einem Pinsel mit Öl ausstreichen oder einem ölgetränkten Küchentuch auswischen.

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Fluchtgeschichten zwischen den Jahren: Blogger schreiben für Flüchtlinge

Ihr Lieben, ich will euch gar nicht langatmig mit meiner persönlichen Fluchtgeschichte langweilen. (Übrigens, nur um mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen: Nein, ich bin tatsächlich gebürtige Deutsche und Muttersprachlerin. Die Flucht meiner Familie war innerdeutsch, auch wenn sie 1986 über das Ausland ging. Und bei den furchterregenden Bildern unserer Zeit hatten wir wohl das “Glück”, damals noch in den regulären Auffanglagern wie Gießen oder Unna-Massen zu landen. Unna-Massen..Unna-Massenunnamassen… dieses seltsame Wort klingelt noch heute durch meine Kindheitsgedanken.)

Ich nutze die Zeit zwischen den Jahren, um euch ein gutes Hinübertreten ins neue Jahr zu wünschen. Ich hoffe wir alle hatten eine schöne und entspannte Advents- und Weihnachtszeit. Mit Baum, Essen, umgeben von Familie und Freunden. Oder auch ganz allein – wenn ihr denn daran Spaß habt. Ein Großteil von uns kullert gerade herrlich vollgefressen (ich meine das wirklich positiv, jeder braucht ab zu und eine fette Prise Hedonismus und Bacchus) durch die Wohnung und freut sich über die gedankenvollen Geschenke lieber Menschen. Oder denkt über das Silvesteressen nach (bei mir ist das zumindest der Fall). Vielleicht plant ihr auch eine große Party. Oder tut sonst irgendetwas. Aber was wir alle zum Großteil gemeinsam haben: Wir tun dies in Sicherheit.

Sicherheit. Ein Luxus, den Flüchtlinge nicht haben. Auch während unserer geheiligten Weihnachtszeit und zu Silvester sind sie mit Kindern, Babys, schwangeren Frauen, Kranken und Alten unterwegs – während Rechte wie in einer Fleisch gewordenen Realsatire ergriffen vom Christuskind singen.
Und auch wenn ich natürlich über den warmen Dezember lächelnd lästere – ich bin dem milden Winter so unglaublich dankbar für eben genau das – seine Milde. Seine Barmherzigkeit. Seine Warmherzigkeit. Wärmer also so manches Herz in #Kaltland. Ich möchte keine erfrorenen Kinder auf unseren Straßen sehen. Wir hatten das schon mal, aber ich weiß, viele wollen sich nicht an die deutschen Todesflüchtlingstreks vor gerade mal 70 Jahren erinnern.

Jetzt ist es doch ein längerer Text geworden – verzeiht. Dabei wollte ich doch nur ganz rasch zu einer weiteren Buchvorstellung einleiten, die ich für den Printbereich geschrieben habe und mit euch auch hier teilen will. In diesem Sinne: Kommt gut und sicheren Fußes ins neue Jahr. Seid geschützt auf all euren Wegen. Wir lesen uns.

Shermin

Rezension E-Book: Blogger schreiben für Flüchtlinge

Von der Menschlichkeit: Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge

Im Herbst 2015 entwickelte sich die Idee unter dem Hashtag #BloggerfuerFluechtlinge in Form von Crowdfunding Geld für Flüchtlinge zu sammeln und auf die Situation der hier strandenden Menschen aufmerksam zu machen. Die Reaktion der deutschsprachigen Blogger/innen war überwältigend und schnell kamen Beiträge und mehr als das ursprünglich anvisierte Spendenziel von 5000 Euro zusammen. Inzwischen wurden über 130.000 Euro zusammengetragen, mit denen bisher sehr viele praktische Hilfsprojekte für Geflüchtete in Deutschland finanziert wurden (genau einsehbar auf der – leider anscheinend gerade etwas brach liegenden – Webseite). Das Anfang Dezember 2015 erschienene E-Book ist eine Sammlung von über 50 Texten, die jede auf ihre ganz eigene Art “Willkommen!” sagen und das Thema “Flucht” reflektieren.
Es sind unterschiedliche und sehr berührende Geschichten aus den verschiedensten Perspektiven. Mal erzählen sie frustriert von der unglaublichen Hilflosigkeit von Helfer/innen – alles ist organisiert, nur der Staat stellt sich plötzlich quer und lässt die Menschlichkeit auf der Strecke. Andere sind distanziertere Reportagen über Dörfler und ihren Umgang mit Flüchtlingen, lebensnahe, persönliche Berichte über privat aufgenommene Flüchtlinge oder den Horror, den das Berliner LaGeSo für Menschen bereithält, während andere wiederum ihre persönliche Familien- und Fluchtgeschichte mit Flüchtlingstrecks aus Pommern, Schlesien nach `45 aufarbeiten, Undercover vom Albtraum im größten Flüchtlingscamp Europas in Kalabrien berichten oder sich mit dem alltäglich wiedergekäuten Rassismus beschäftigen. Wer viel im Internet unterwegs ist und sich für dieses Thema beschäftigt, wird einige davon sicherlich schon kennen. So weit möglich, wurden die Texte chronologisch nach ihrem Erscheinungsdatum geordnet.

Fazit: Eine beindruckende und durchaus auch bedrückende Sammlung. Wie schon öfter in den vergangenen Monaten haben wir auch hier wieder ein wunderbares Projekt, das durch ehrenamtliche Arbeit und viel persönliches Engagement finanzielle Mittel auf die Beine stellt, um zu helfen. Alle Autor/innen haben ihre Texte kostenlos zur Verfügung gestellt und das Herausgeberteam und die Verlegerin arbeiteten ehrenamtlich an dem E-Book. Der gesamte Erlös des Buches geht in die Kasse der Flüchtlingshilfe “Blogger für Flüchtlinge”.
Dem Herausgeberteam ist es – gerade im Angesicht der Terroranschläge der letzten Monate – ein Anliegen, dass Hass und Angst nicht die Herzen regieren und sich gerade an den Menschen niederschlägt, die vor diesem Terror mit Kindern, Säuglingen und Alten auf die beschwerlichste Art flüchten.
Zu gerne vergessen wir hier im “sicheren” Deutschland, dass wir eine überaus kostbare, seltene – und hoffentlich noch sehr lang anhaltende – Periode des Friedens und der Stabilität genießen. Gerade mal 70 Jahre, nicht ganz ein Menschenleben, ist es her, dass wir selbst millionenfach Flüchtende im eigenen Land waren. Genau so voller Angst, Leid und Beschwerlichkeit geflohen wie die Menschen heute. Jeglichen Besitz, Altbekanntes, Ahnenstätten, Geliebtes und geliebte Menschen zurücklassend – meist nur mit dem nackten Leben und dem Hemd am Leib.
Allein Bayern (Ey, ich mein.. Bayern!!) nahm damals 2 Millionen Flüchtlinge auf. Der Empfang und die kaltherzigen Sprüche waren – bei den eigenen Landsleuten – die gleichen, wie manche sie heute aus Fremdenangst den Neuen entgegenschleudern. Die Erinnerung, oft auch an die eigene Familiengeschichte, täte da Not.

Herausgegeben von Katharina Gerhardt, Caterina Kirsten, Ariane Novel, Nikola Richter, Frank O. Rudkoffsky, Eva Siegmund
Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge*
mikrotext, 2015
E-Book, 289 Seiten, 3,99 Euro

*Afiliate-Link zu Amazon

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